Dieser Text wurde von Dr. phil. Rebekka Reinhard über Mara Bertling für She’s Mercedes Ausgabe 4/20 verfasst.

Rebekka Reinhard ist promovierte Philosophin und Speakerin. Sie schrieb zahlreiche Sachbücher. Daneben arbeitete sie viele Jahre ehrenamtlich mit Patient*innen der Psychiatrie und Onkologie. Seit 2019 ist sie auch stellvertretende Chefredakteurin des Magazins HOHE LUFT. Ihre Lieblingsthemen Ethik, Führung und Women Power behandelt sie nicht aus der Elfenbeinperspektive, sondern ganz pragmatisch – getreu dem Motto ihres Labels: philosophy works!

“MIT HIRN UND HERZ ETWAS ZU BEWEGEN”: MARA BERTLING IM PORTRÄT VON DR. PHIL. REBEKKA REINHARD

Mein Name ist Rebekka Reinhard. Als Gastautorin möchte ich Mara Bertling vorstellen, Gründerin und geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der gemeinnützigen Organisation DEIN MÜNCHEN. Ich kenne und bewundere Mara schon lange – sie ist für mich Altruismus pur. „Altruismus“ heißt selbstlos handeln. Für mich als Philosophin, Buchautorin und Speakerin ist das Thema nicht nur ein wichtiger Aspekt ethischer Theorien, es betrifft auch die ganz praktische Frage, warum Menschen einander helfen und füreinander einstehen wollen, sollen und müssen. Gerade in diesen Zeiten, glaube ich, ist es notwendig, uns mehr denn je zu fragen: Was gibt altruistisches Handeln uns allen? Und was „bringt“ es der Gesellschaft?

Als Mara mich zum ersten Mal fragte, ob ich Lust hätte, für eine Gruppe Hauptschüler*innen einen philosophischen Workshop über „Liebe“ zu geben, habe ich sofort zugesagt. Und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem ich viele Jahre nebenher mit stationären Patient*innen philosophiert habe: Ich glaube, wenn man die Möglichkeit hat, anderen zu helfen, hat man nach Maßgabe seiner Möglichkeiten auch die Pflicht dazu. „Bringen“ tut es immer etwas.

Ein Glück für diesen Planeten, dass es Menschen gibt, die Altruismus zu ihrem Hauptberuf machen. Menschen wie Mara. Von ihr, die sich für die Zukunft benachteiligter Kinder und Jugendlicher engagiert, kann man viel lernen: über den Wert von Bildung und Chancengerechtigkeit, über soziales Unternehmertum, über gute Führung. Die studierte Sozialpädagogin und -managerin hat mit nun 40 Jahren mehr von der Gesellschaft gesehen als die meisten von uns. Mit Mara begegnest du einer empathischen, starken Frau mit unglaublich viel Mut. Dem Mut, gegen alle Widerstände ein zukunftsfähiges Wir zu schaffen, von dem am Ende alle profitieren.

Viel Freude beim Lesen, Rebekka Reinhard

 

Mara Bertling empfängt mich in ihrem Büro in München-Schwabing, einem ehemaligen Künstleratelier. Sie hat eine unglaublich ruhige Ausstrahlung und spricht extrem fokussiert, da ist kein Wort zu viel. „Je wilder der Sturm um mich herum tobt, desto ruhiger werde ich“, sagt sie.

Mara hat DEIN MÜNCHEN 2011 zunächst als Initiative gegründet. Seit 2014 ist es ein eigenständiger gemeinnütziger Verein, ab Juli 2020 wird es eine gemeinnützige GmbH sein – ein wichtiger Schritt im Sinne der Professionalisierung und des sozialen Unternehmertums, das Mara vorantreiben will. Mara liebt die Freiheit bei ihrer Arbeit. Sie hat mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun: Schüler*innen, Sozialarbeiter*innen, Rektor*innen, Unternehmensvorstände, Sponsoren aller Art – und kann so „jeden Tag meinen Horizont erweitern“.

Was heißt Altruismus für Mara Bertling? „So ganz selbstlos tue ich nichts für andere, denn meine Arbeit gibt mir sehr viel.“ Kurze Pause. „Altruismus, das ist für mich spontane Hilfe für jemanden, den ich danach vielleicht nie wieder sehe. Es ist ein emotionales Handeln, das auf meiner Empathie anderen Menschen gegenüber beruht. Ich muss darüber nicht nachdenken!“ Wenn wir in einer fairen, solidarischen Gesellschaft leben wollen, müssen wir Werte wie Altruismus und Liebe beibehalten, meint Mara. Aber wie?

Die DEIN MÜNCHEN-Chefin glaubt, dass wir alle die Verpflichtung haben zu helfen – Unternehmen ebenso wie jede*r einzelne. „Helfen“, das heißt in ihrem Fall „die jungen Leute, die wir begleiten, ganz gezielt in ein selbstbestimmtes und selbstbewusstes Leben zu geleiten.“ Rund 300 Projekte mit über 6000 Jugendlichen haben Mara und ihr Team in den letzten Jahren realisiert.

„Es geht um die jungen Leute heute, die morgen die Gesellschaft prägen und dafür verantwortlich sind, wie wir alle zusammenleben werden. Die Institutionen und die Politik haben da bisher versagt“, meint Mara. DEIN MÜNCHEN kennt seine Zielgruppe nicht aus der Theorie heraus, sondern durch den täglichen Kontakt. Maras Klientel sind Hauptschüler*innen meist mit Migrationshintergrund; oft fehlt jegliche Unterstützung von zu Hause. Kinder von 14 bis 17 Jahren, die den Hartz-IV-Regelsatz beziehen, bekommen 328 € pro Jahr – nur 23 Cent davon sind für Bildung vorgesehen. 23 Cent.

Dein München fördert die Stärken jener Kinder, die es trotz ihrer Potenziale und Ambitionen nicht auf eine weiterführende Schule geschafft haben: „Das ist wie Schätze zu bergen“. Von einem Basisprogramm, wo erst mal gutes Benehmen und Pünktlichkeit eingeübt werden, bis hin zur konkreten Talentförderung im No Limits! Bildungsprogramm geht es darum, junge intelligente Leute, die den Willen haben, aus dem System auszubrechen, aktiv zu unterstützen.

Wie die gebürtige Bulgarin Radina, die 2014 zum Start von No Limits! als 17-jährige Hauptschülerin noch wenig Chancen für sich sah. Sie schaffte erst den mittleren Schulabschluss, dann das Fachabitur. Heute studiert sie BWL an der Hochschule München. Und sie gehört zu Maras Jugendbotschafter-Gremium mit inzwischen 21 älteren Mitgliedern, die bei DEIN MÜNCHEN gelernt haben, dass es wichtig und richtig ist, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und die andere dazu motivieren wollen. Das Gremium fungiert nicht nur als Ansprechpartner für andere Kinder und Jugendliche, sondern, indem es Umsetzung und Erfolg der einzelnen Projekte kritisch prüft, auch als eine Art Ethikkommission.

Das ist Führungskräfteentwicklung der etwas anderen Art. Gerade hat DEIN MÜNCHEN eine „Studie zur Bedürfnis- und Bedarfslage Jugendlicher“ gestartet, die die Jugendbotschafter gemeinsam mit externen Psycholog*innen, Soziolog*innen und Projektmanager*innen durchführen. Was braucht ein junger Mensch für eine positive Entwicklung? Was beschäftigt ihn? Um solche Themen geht es bei der Studie, die bis Herbst 2020 laufen, und dann repräsentative Ergebnisse liefern soll.

„Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“ Mara wünscht sich, dass jeder Mensch wie sie selbst die Verpflichtung in sich spürt, „mit Hirn und Herz etwas zu bewegen“. Sie ist Perfektionistin. Die Mutter einer Tochter hat aber gelernt, loszulassen. Sie vertraut ihren Mitarbeitern, dass sie das, was gemacht werden muss, gut machen.

Derzeit beschäftigt DEIN MÜNCHEN sechs Festangestellte, 30 Freie und über 100 Ehrenamtliche. Mara sagt an, wie die Dinge laufen sollen – und möchte doch allen Teammitgliedern die Chance geben, zu wachsen. Nicht immer herrscht „weichspüler“-hafte Harmonie. „Es gibt auch heiße Diskussionen, dann kippt die Stimmung schon mal“, so Mara. Sie weiß, wie wichtig eine gesunde Streitkultur nicht nur in einer demokratischen Gesellschaft insgesamt, sondern auch in ihrem Team ist. „Wenn mir etwas nicht gefällt, warum soll ich behaupten, es gefällt mir“, meint Mara lachend. „Ich glaube, das tut allen gut. Das hat ja nichts mit Bösartigkeit zu tun, sondern mit Orientierung, Lernen und damit, über die Auseinandersetzung gemeinsam zu wachsen und zueinander zu finden.“

Dein München soll einen Best Case für Chancengerechtigkeit aufstellen. Maras Vision: DEIN MÜNCHEN als Institution mit überregionaler Strahlkraft, die die Gesellschaft auch auf Missstände aufmerksam macht und damit dringend nötige gesellschaftliche und politische Reaktionen bewirkt. „Wenn ich wie bei unserer Jubiläumsfeier letztes Jahr vor 500 Leuten stehe, dann denke ich: Wow, all diese Leute haben eigentlich gar nichts miteinander zu tun. Aber es gibt einen einenden Moment. Wir alle wollen mit einer ähnlichen Haltung etwas in Bewegung setzen.“

Wenn Menschen einsehen, wie sehr Altruismus allen hilft, dann fällt es allen leicht, sich freiwillig dazu zu verpflichten. Dann wird aus einer Gesellschaft eine Gemeinschaft. Das ist die wohl wichtigste und schönste Einsicht, die ich von dem Gespräch mit Mara Bertling mitnehme.